RESUSCI ANNE




Video 7 Minuten 38 Sekunden / Manual 16 Seiten / Instagram Face Filter / Plüschherz














In Resusci Anne fließen die Schicksale zweier epochal unterschiedlicher Frauenfiguren ineinander.


>>Annie, are you ok Annie?>>

Auch bekannt als Rescue Annie ist Resusci Anne der offizielle Name der standardisierten Trainingspuppe, die zum Erlernen und Trainieren der Herz-Lungen-Wiederbelebung (CPR) im Rahmen der Ersten Hilfe eingesetzt wird. In den 50er Jahren von Laerdal Medical entwickelt, wird die Puppe seither in allen Schulungen weltweit eingesetzt. In einem Interview erwähnte Asmund Laerdal, dass die Wahl eines weiblichen Übungsobjekt voraussetzt, dass Männer größeres Interesse am Erlernen von Wiederbelebung zeigen würden. Als das „meist geküsste Gesicht der Welt“, gibt Resusci Anne so immer wieder vor in Lebensgefahr zu schweben, nur um erneut wiederbelebt zu werden.

>>An endless history in a single thing. Escorted to climax by toymakers, doctors, pathologists, photographers, painters, writers, filmmakers, musicians, and a thousand other men I won’t mention here.>>

Für das Erscheinungsbild seines neuen Produkts zog der aus der Spielzeugindustrie stammende Asmund Laerdal ein bereits existierendes „Gesicht“ als Vorlage heran. Angelehnt an eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Totenmaske, erhielt Resusci Anne so das Gesicht eines ertrunkenen Mädchens. Bekannt als die Unbekannte aus der Seine (L’Inconnue de la Seine) oder auch Mona Lisa of Suicide, soll sich das junge Mädchen der Legende nach Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund ein unglücklichen Liebesaffäre in der Seine das Leben genommen haben. Ergriffen von dem tragischen Schicksal kombiniert mit den rätselhaften Todesumständen gewann die Maske im 20. Jahrhundert an großer Popularität. Im Prozess der Kommodifizierung wurde das Abbild des jungen Mädchens zum Massenprodukt, populären Souvenir und dekorativen Einrichtungsgegenstand. Als ideale Projektionsfläche und Phantasma der perfekten Muse diente die Totenmaske als Grundlage unzähliger literarischer, wie künstlerischer Werke, vorrangig männlicher Künstler.

>>A line I read on the Internet hits me hard.>>

Eine russische Travelbloggerin, Instagram Influencerin und angehende Ärztin wird Juli 2019 ermordet in ihrem Reisekoffer vorgefunden. Für kurze Zeit ist ihre Geschichte weltweit virales Thema, was post mortem zu einer Verdoppelung ihrer Follower auf  Instagram führt. Als im Zuge der Ermittlungen belegt wird, dass sich das Mädchen ihren luxuriösen Lebensstil mit einem Doppelleben als Escort finanziert hat, gerät die tote 24 Jährige in den russischen Medien stark in Kritik. In einer der quotenstärksten russischen Talkshows werden die 651 Posts der Ermordeten von diversen Gästen, wie einem YouTuber, einer Kommilitonin, einer Psychologin, dem Anwalt des Mörders und einigen Ex-Escorts kommentiert, als auch auf vermeintliche Zusammenhänge untersucht.


Was passiert bei der fragmentarischen Gleichschaltung und Überblendung dieser beiden Narrative?


In ihrer Videoarbeit erforscht Ida Kammerloch beide Frauenfiguren filmisch und verbindet Fragmente beider Erzählungen bildlich, wie sprachlich miteinander. Man sieht die Künstlerin in ihrem Atelier, wie sie Fotografien unter einer Lupe betrachtet, Requisiten sammelt oder über Ebay, Instagram und andere Internetseiten scrollt, Informationen und Bildmaterial akkumulierend.


Auf Ebay bestellt sie diverse Objekte, darunter ein gebrauchtes Exemplar einer Resusci Anne. Aufbewahrt und geliefert wird die Puppe in einem Koffer versehen mit Gebrauchsanleitung und Hygieneutensilien. Einer Spurensicherung gleich, öffnet Ida Kammerloch den Koffer und inspiziert den Inhalt. Als Objekt mehrdeutig interpretierbar, streift der Koffer neoliberale Dispositive der Mobilität und Flexibilität. Einerseits ist er unser unverzichtbarer Reisebegleiter, die Kapsel, die unsere Habseligkeiten für ein mobilisiertes Leben umfasst. Ein kapitalistisches Symbol der Sehnsucht, sich der alltäglichen Passivität zu entziehen, zu optimieren, Erfahrungen zu sammeln und zu intensivieren. Zum anderen verwandelt sich ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück an stark frequentierten Orten, wie Bahnhöfen oder Flughäfen schlagartig in eine potenzielle Bedrohung, ein Objekt des Terrors, dessen Neutralisierung immer eine Evakuierung zur Folge hat.


Wer erfüllt in unserer Gesellschaft die Vorraussetzungen? Welcher Pass, welches Kapital, welcher globale Stellenwert ist von Bedeutung? Bedeutet Stillstand Krise? Welche Körper zirkulieren auf welche Weise?


Das Reisen steht eng in Verbindung mit einem weiteren Leitmotiv: Wasser. Ertrunken und immobilisiert in Gips, erweckt die Unbekannte aus der Seine das Mitgefühl und Interesse ihrer Zeitgenossen. Während ihr zeitgenössischer Counterpart, die junge Travelbloggerin und Instagram Influencerin um die Welt reisend an Stränden und Pools in ihrem Instagram Stream berichtend. Google Street View-Aufnahmen der Seine, die den besagten Auffindungsort der Ertrunkenen zeigen sollen, tauchen neben Pools, Ständen, Sonnenuntergängen und populären Frau-Wasser Darstellungen der Kunstgeschichte auf, wie die Ophelia von John Everett Millais, die die Narration weiter verdichten. Als Katalysator und Raum für Projektionen fungiert Wasser so als tödliches, wie vitalisierendes Element.


>>Woman, water, tantalizing combination.>>


Ein weiteres Tool bei der Erforschung und Konstituierung beider Frauenfiguren ist die Maske. Als Sinnbild unserer Gesellschaft und unter ständiger Fluktuation zwischen Mutation, Adaption, Imitation und kulturellem Transfer, scheint die Maske unendlich manipulierbar zu sein. Mal tritt sie im Film als Plastikobjekt mit glatter Oberfläche auf, als feuchtigkeitsspendende Tuchmaske auf dem Gesicht der Künstlerin, dann wieder als kulturelles Sammelobjekt oder Instagram Filter, virtuelles Tool und identifikatorischer Nullpunkt.


Ist die Möglichkeit zum Mythos zu werden technologisch unmöglich geworden? Welche Fluchtlinien verstecken sich hinter unseren Abbildern, den Totenmasken, den digitalen Masken?  


Gleichermaßen das Gesicht überlagernd, erscheinen ovale Portraits, die die Künstlerin in einer dunkelhaarigen Perücke hinter Blumenbouquets zeigen. Die diesen Aufnahmen zu Grunde liegenden kurzen Texte stammen aus Instagram Posts der Verstorbenen. Während Ida Kammerloch weder das Gesicht der Influencerin zeigt, noch ihren Namen nennt, dienen diese Zitate, sowie Fragmente aus den Reise- und Beauty-Schnappschüssen als Substitut bei der Annäherung an die Person hinter dem Profil. Aussagen im Bezug auf romantische Liebe und die Rollenverteilung innerhalb einer heterosexuellen Partnerschaft verschwimmen mit klassischen Medienkonstruktionen bestehend aus weiblichem Opfer, romantischem Tatmotiv und tragischem Ende. An einer anderen Stelle gegen Ende des Films wird das Oval erneut bildlich aufgegriffen, hier jedoch in Form pflanzenüberwachsener Grabovale.



>>Look at these photographs I took at several Russian cemeteries. It’s impossible to see their faces without touching the grave. But who would do that? It is said that even taking these kinds of photos brings misfortune.>>




Die anachronistische Montage beider Narrative lässt beide Identitäten fluide und zu einem einzigen mythischen und allegorischen Korpus verschmelzen, in dem die penetrante Normativität von Frauenbildern thematisiert und rekontextualisiert wird. Der Darbietung eines Handmodels ähnelnd, führt die Künstlerin die offizielle Reanimationsbewegungen auf einem Kissen vor.



Resusci oder Rescue kann auch mit Befreiung übersetzt werden und ist somit nicht die Reanimierung eines Mythos, sondern eine Hinterfragung unserer patriarchalen und westlichen Narrative. Instagram als eine digitale Kunstgeschichte betrachtet, in der wir uns scheinbar nur selbst deuten und kanonisieren.





















Mark